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Corona – Ein Jahr nach Beginn der Krise. Ein Kommentar

Corona – Ein Jahr nach Beginn der Krise. Ein Kommentar Posted on 22. April 2021

Liebe Patientinnen und Patienten,

über ein Jahr ist vergangen. Wer hätte gedacht, dass diese Pandemie so große und nachhaltige Veränderungen in unser aller Leben zur Folge hat? Wie soll es weitergehen? Sind Sicherheit und die Vermeidung von Infektion auf Dauer wirklich das A und O? Ist der Preis nicht zu hoch? Was passiert mit uns Menschen, wenn alles, was uns gut tut, nicht mehr geht? Was passiert mit den Kindern, wenn das Schulleben weiter so gestört bleibt? Was ist mit den jungen Menschen, die nach der Schule raus ins Leben wollen, um einen Beruf zu ergreifen und eine Familie zu gründen? Wie sollen sie ihre neue Partnerin oder ihren neuen Partner finden? Wie sollen sie ihre lebensnotwendigen Erfahrungen machen? Digital? Müsste man sich nicht eher medizinisch ärztlich mit der Krankheit und eher ethisch, empathisch und sozial gerechter mit den wirtschaftlichen, politischen und rechtlichen Konsequenzen dieser Krise beschäftigen? Ist unser „Gesundheitssystem“ wirklich ein „Gesundheitssystem“?

Das alles sind Fragen, die bisher ohne Antwort geblieben sind.

Viele System-Schwachstellen in der Organisation unseres bisherigen Lebens sind durch die Corona-Krise offenbart und entlarvt worden. Wir alle sollten das nutzen und mit daran arbeiten, unser aller Leben nachhaltig zu verbessern. Vieles, was vorher war, sollte auf keinen Fall wiederkommen und vieles muss neu durchdacht werden. Wir sollten als Gemeinschaft überlegen, wo wir neu die Prioritäten setzen.

Als Gastbeitrag für eine weitere Diskussion poste ich heute die Stellungnahme eines erfahrenen Arztes, anerkannten Wissenschaftlers und Forschers. Er hat viele medizinische Veröffentlichungen und Bücher geschrieben. Er hatte über 26 Jahre hier in Berlin den Lehrstuhl für Dermatologie an der Freien Universität Berlin inne, er hat in den frühen 80ern die HIV-Problematik von Anfang an miterlebt und erforscht, er war viel im Ausland und hat u. a. in Tansania/Afrika gelehrt und ehrenamtlich gearbeitet. Eine anregende Lektüre wünscht Ihnen allen in diesen Zeiten,

Ihre
Dr. med. Helena Orfanos-Boeckel

 

Corona – Ein Jahr nach Beginn der Krise. Ein Kommentar

Ein Kommentar von Prof. Dr. med. emer. Constantin E. Orfanos
vom 22. April 2021

Die Corona-Krise mit ihren Bekämpfungsmaßnahmen, den Einschätzungen und Fehleinschätzungen, die sie begleitet haben, und den gesellschaftlichen Nachwirkungen, die bereits aufgetreten und weiterhin zu erwarten sind, dauert bereits über ein Jahr. Es ist Monat 14 einer Krise, die die Struktur der Zivilgesellschaft verändert hinterlassen und in die Geschichte der liberalen Demokratien Europas als historische Epoche mit Wendecharakter eingehen wird. Es ist Zeit für einen Rückblick und eine Evaluierung bisheriger und laufender Maßnahmen, um beurteilen zu können, ob die Strategie noch die richtige oder eine andere angemessener wäre.

Der medizinische Ansatz

Medizinisch ist die Frage entscheidend, welche Bedeutung eine Infektion mit dem neuen SARS-CoV-2-Virus für den infizierten Menschen hat und wie oft nach der Infektion eine Covid-19-Krankheit auftritt, die die Patienten zum Arzt führt. Letztlich, wie häufig diese Krankheit stationär in einer allgemeinen oder einer Intensivstation eines Krankenhauses versorgt werden muss, womit das Gesundheitssystem unmittelbar belastet wird. Es gibt eine Vielzahl von Krankheiten, die den Menschen schwer treffen und eine schwere Last für die Volksgesundheit sind. So erkranken beispielsweise mind. 1400 Menschen in Deutschland täglich an Krebs, vermutlich sind es sogar mehr, und diese Diagnose wiegt in jeder Hinsicht bei Weitem schwerer als z. B. eine Infektion mit dem neuen Corona-Virus.

Die pandemische Ausbreitung eines neuen Erregers müsste somit aus ärztlicher Sicht zunächst einmal nicht nach der Inzidenz des Erregers, sondern nach der Erkrankung bemessen werden, die sie hervorruft, und ihre klinische Bedeutung im Vergleich zu anderen schweren Erkrankungen des Menschen, mit denen wir bereits zu tun haben.

Daraus wäre eine Antwort auf die Fragen abzuleiten,
(a) wie man die neue Erkrankung bekämpft,
(b) welche Maßnahmen zur Prävention und Vorsorge notwendig sind,
(c) wo sie angesetzt werden können, und
(d) wie radikal diese Maßnahmen sein und wie lange sie zur Anwendung kommen sollen.

Sind die Maßnahmen, die zur Bekämpfung der Corona-Infektion getroffen wurden, in diesem Umfang notwendig gewesen und waren sie der angemessene, einzig mögliche Weg, um die gefährdeten Bürgerinnen und Bürger zu schützen? Diese Frage wartet immer noch auf eine schlüssige Antwort, da die bisherige Strategie gegen das Virus sich nicht nach der klinischen Relevanz der Virusinfektion, sondern ausschließlich nach den epidemiologischen Zahlen und der Inzidenz des Erregers, d. h. nach seiner Ausbreitung orientiert hat.

Um eine aktuelle Momentaufnahme zu nehmen: Mitte April 2021 hatten in Deutschland 314.516 Menschen einen aktuell positiven Testbefund auf Corona, d. h. sie waren damit infiziert. Davon waren 4680 (etwa 1,4 %) schwer erkrankt und lagen mit einer Covid-19-Erkankung auf einer Intensivstation (1). Dieser Prozentsatz müsste auch drastisch nach unten korrigiert werden, da die Dunkelziffer der unentdeckt Infizierten bei Weitem höher ist. Reicht aber eine Zahl von insgesamt 5000–6000 Covid-19-Patienten, die ein Intensivbett benötigen, aus, um den Stillstand eines Landes, Geschäfts- und Reiseverbote, nächtliche Ausgangssperren für alle etc., anzuordnen?

Verstärkte Bemühungen um eine robuste Intensiv-Versorgung wären hier die richtige Antwort. Ein breit zusammengesetzter Pandemie-Rat, wie ich ihn bereits vor einem Jahr angeregt und gefordert habe, wäre das geeignete Instrument, sich dieser Krise anzunehmen, anstatt allein durch Verbote die Ausbreitung eines Virus bekämpfen zu wollen, das mit großer Wahrscheinlichkeit unausrottbar ist. Ein solcher ist bis zum heutigen Tage nicht eingerichtet, aber es ist noch nicht zu spät, darüber nachzudenken. Eine Änderung der bisherigen Vorgehensweise bzw. der gesamten Strategie lässt sich immer noch erwägen. Aus ärztlicher Sicht wäre mit Sicherheit nicht etwa der epidemiologisch-virologische, sondern der klinisch-ärztliche der logischere Ansatz. Um präventiv zu wirken, müsste man genauer wissen wie und wo man eingreifen kann, um zu verhindern, was man verhindern möchte.

Die rechtliche Frage

Die einschränkenden Maßnahmen, die getroffen wurden und teilweise weiterhin noch gelten, sind einmalig. Selbst in Kriegszeiten, bei Angriffs- und Bomben-Gefahr, Erdbeben, Flutkatastrophen und Ähnlichem haben Regierungen Derartiges noch nie gewagt. Es bleibt offen, ob dieses Vorgehen die mildeste aller möglichen Lösungen und Alternativen war, um die Gefahr abzuwenden. Mit den Beschlüssen wollte man jedenfalls in Deutschland mit demonstrativer Entschlossenheit ein bestimmtes Kollektiv, vor allem ältere Menschen, vor einer Corona-Infektion schützen und das Gesundheitssystem entlasten. Man hat gemeint, das Auftreten des Virus wäre vorübergehend, wollte zunächst seine Ausbreitung verlangsamen, damit das Gesundheitssystem nicht in Not gerät, und dann das Virus eliminieren. Im Verlauf der vergangenen Monate zeigte es sich jedoch, dass die Vorstellung, das Virus zu „besiegen“ eine Illusion war.

Neben den notwendigen Vorsorgemaßnahmen hat man dabei nicht auf die Vernunft appelliert, die gerade beim betroffenen Kollektiv durchaus vorhanden gewesen wäre, und auf Freiwilligkeit gesetzt, sondern nahm stattdessen die ganze Zivilgesellschaft in Haftung. Durch die diversen Verbote wurde in Kauf genommen, dass sie andere somatische und psychische Nachteile nach sich ziehen würden, nicht zuletzt auch für das Kollektiv, das man schützen wollte. Die psychische Belastung wuchs, Patienten mit anderen kontroll- und behandlungsbedürftigen Krankheiten, die auch die Lebensqualität beeinflussen und auch tödlich enden können, wurden zurückgestellt.

Natürlich hätte man von allen Schutzmaßnahmen nicht gänzlich unbeschadet bleiben können, aber was sind hierfür die Entscheidungskriterien und wo liegen die Prioritäten? Ist die Inzidenz nicht eher die Krankheit selbst, nämlich das Auftreten von Beschwerden vonseiten des Infizierten und deren Schwere das Entscheidende? Man versucht, die Ausbreitung des Corona-Virus aus Angst vor Gesundheitsschäden eines bestimmten Kollektivs zu verhindern, bringt dabei aber schieres Unheil über andere Kollektive und schränkt die Grundrechte aller Menschen ein, auch derjenigen, die davon nicht betroffen sind. Darf man das? Überschreitet der Staat mit dieser Strategie nicht seine Befugnisse?

Frühzeitig, wenn auch nachträglich, wurde im März 2020 ein Infektionsschutzgesetz eingeführt, womit das Vorgehen der politisch Verantwortlichen mit allen Maßnahmen und Eingriffen in die Grundrechte der Bürger im Namen der Volksgesundheit juristisch legitimiert wurde. Nach einem Jahr wurde dieses Gesetz nun erweitert, um bundesweite Regelungen möglich zu machen, die durch die föderale Struktur schwer durchsetzbar gewesen sind. Dabei ist die Inzidenz des Virus der einzige Parameter. Man wird sehen, ob dies für die Menschen zur Bewältigung der Krise eine Hilfe ist. Die Eigenverantwortung des einzelnen Bürgers wurde und wird weiterhin nicht im Entferntesten angesprochen und bleibt auf der Strecke. Sollte sie nicht stattdessen künftig stärker berücksichtigt werden?

Medizinische Fortschritte und die Einstellung zum Tod

Die gewaltigen Fortschritte unserer Medizin haben insgesamt zu überalterten Bevölkerungen geführt. Ärztlicherseits ist bekannt, dass die meisten Betagten in ihren letzten Lebensjahren an diversen Komorbiditäten leiden und meist in Zusammenhang mit einer bakteriellen Infektion sterben. Weitere Ursachen für das Ableben sind Epidemien, Hungersnöte, Umweltverschmutzung, Klimakatastrophen etc., die man im Alter nicht bewältigen oder sich ihnen nicht entziehen kann. Sie bringen vielen älteren Menschen den Tod. In den hochentwickelten Ländern des Westens versucht man dennoch mit allen Mitteln der modernen Medizin, über die wir inzwischen verfügen, die älteren Menschen möglichst lange am Leben zu halten. Ein Ableben gilt in der postmodernen Gesellschaft generell als Unglück, etwas was man tunlichst verhindern muss. Die Lebenserwartungsdauer in den letzten Jahrzehnten wurde drastisch verlängert.

Der späte Tod, der Tod in hohem Alter, ist aber kein Unglück, sondern etwas biologisch Natürliches. Für viele ist er gar eine physische, für andere eine spirituelle Erlösung. Früher hat der Herr die gläubigen Christen aus dem Kreis ihrer Familie zu sich genommen, heute werden die älteren Menschen immer häufiger in Altersheimen betreut oder auf Intensivstationen versorgt. Ihr Leben wird mit allen Mitteln der modernen Medizin verlängert, bis sie durch etwas Unvorhergesehenes, meist eine Infektion, doch noch sterben. Wenn sie SARS-CoV-2-positiv sind, werden sie heute schnellstens entsorgt, der Todesfall wird im Zusammenhang mit dem Virus gezählt und der Öffentlichkeit gemeldet.

Sollte der moderne Tod so sein? Ist es nicht für alle besser und erfüllender, die älteren Menschen zu Hause im Kreis ihrer Angehörigen, Verwandten und Freunde ihren letzten Atem aushauchen zu lassen und sie in einem würdevollen Begräbnis zu ehren, auch wenn sie viruspositiv sind? Diejenigen, die sich schützen wollen, können sich fernhalten, oder auch nicht, wenn ihnen der Verstorbene sehr nah war und sie sich selbst anders entscheiden.

Nach den heute geltenden Corona-Bekämpfungsmaßnahmen fehlt es jedenfalls immer mehr an Körperlichkeit und Wärme in der Zivilgesellschaft, die Anwesenheit unseres Nächsten und seine Nähe werden nicht gesucht, sondern als nächstliegende Gefahr empfunden. Damit verlieren wir unsere Menschlichkeit und früher oder später werden wir darunter zu leiden haben. Es wäre zu bedauern, wenn das neu erfundene Unwort „social distancing“ mit passendem medialen „framing“ in der Post-Corona-Zeit zur Routine wird und vielleicht als der Knigge einer neuen Gesellschaftskultur gilt.

Wir sollten es nicht zulassen, dass die Wahrung der bloßen kreatürlichen Existenz unter den gegebenen Umständen zum vorherrschenden Ziel wird, und die Angst vor dem Tod zum Leitprinzip. Der Tod gehört zum Leben, ist immer da und letztlich unvermeidbar. Der Tod bedeutet für den Christen die Rückkehr des Sterbenden zu seinem Gott, seine Verbindung mit ihm und der Beginn eines neuen Lebens. Ein reizvoller Gedanke, der vielen Menschen, auch Nicht-Christen, in Krankheit und Not hilft. Warum sollen wir uns nun von dieser Tradition verabschieden?

Gesellschaftliche und menschliche Fragen

Durch Einschränkungen des freien Geschäftslebens sowie in Kunst, Kultur, Bildung, Sport und Unterhaltung, mit Unterbrechung aller sozialer Kontakte und Ausgangssperren wird dem Menschen die Freude am Leben genommen. Wir sind soziale Wesen und diese Eigenschaft wird uns damit genommen. Das ist ein großer Verlust, der weder durch Geld noch durch irgendetwas anderes aufgewogen werden kann. Wird es demnächst nur eine digitale Öffentlichkeit geben? Sie wird sicher auch funktionieren, aber wird sie auch menschlich sein, wird sie den Menschen unbeschadet lassen und sein Glücksbedürfnis befriedigen?
Wir sollten darüber nachdenken: Die Pandemie hat bereits jetzt die Digitalisierung bis zu einem unvorstellbaren Maß beschleunigt, social distancing, home offices, remote work und wie all diese neuen Modelle heißen mögen, werden zur Regel, der menschliche Kontakt wird massiv reduziert, aus purer Angst vor Infektion. Dies wird sicherlich gewisse ökonomische Vorteile haben, möglicherweise für manche auch als „modern“ gelten oder als solches anmuten, doch die menschlichen Konsequenzen, die sich aus derartigen Verwerfungen ergeben, müssen gründlich überdacht werden, bevor man die bewährte, herkömmliche Öffentlichkeit über Bord wirft.

Im medizinischen Bereich liegt es auf der Hand: Sollte die ärztliche Leistung digital werden, so wird sie letztlich de- oder a-humanisiert. Geschäftemacher arbeiten bereits daran, im Namen der Gesundheit und der „epidemiologisch gebotenen Distanzierung“ neue Wege zu finden, um den menschlichen Kontakt, zumal mit einem Arzt, überflüssig zu machen. Wollen wir das wirklich? Manche Menschen werden neue Erfindungen dieser Art zunächst als „Fortschritt“ begrüßen. Aber auch die verstärkte Digitalisierung, die man sich für Deutschland wünscht, muss behutsam angegangen werden. Hier muss der soziale Aspekt berücksichtigt werden sowie die Tatsache, dass beispielsweise social distancing und home offices in armen Bevölkerungen kaum möglich sind.

Bereits die ersten Monate der Corona-Krise zeigten, dass sich viele Menschen aus ihren Ängsten heraus schnell an die auferlegten Einschränkungen gewöhnten. In Anbetracht der körperlichen Bedrohung, die man in den Medien permanent herausstellt, wird von vielen Menschen ein Leben in einem Käfig akzeptiert. Wollen wir aber den Menschen wirklich dazu bringen? Ihn gehorsam machen, etwa durch Angst? Die Angst ist generell kein guter Ratgeber.

Politische und wirtschaftliche Fragen

Mit den rigorosen Maßnahmen, die man zur Bekämpfung des Virus als alternativlos gesehen und eingesetzt hat, wurde selbst vor den lang erkämpften Bürger- und Menschenrechten und vor dem Bedürfnis des Menschen nach Gott und Gotteshilfe kein Halt gemacht. Es wurden hochakute, ja brennende Probleme unserer Welt vernachlässigt. Die gewaltige soziale Ungerechtigkeit, der internationale Terrorismus, der fortlaufende Klimawandel, die Migration mit den Flüchtlingsströmen, der aufkommende Neonationalismus, die Bekämpfung von Armut und Hunger in der Dritten Welt und vieles andere bleiben kaum noch beachtet. Milliarden von Menschen in allen Kontinenten leiden darunter, nicht zuletzt in den armen Ländern. Die bisherige Strategie der Coronakrise stimmt nachdenklich. Bei liberal und kritisch denkenden Menschen weckt sie Sorgen für die Gestaltung der Zukunft. Während der Auseinandersetzung mit dem Corona-Virus wurden viele Fragen berührt, die nicht zuletzt oder gerade für die westlichen Demokratien existenziell sind. Nach einem Jahr bestehender Krise ist das Ergebnis trotz aller Restriktionen und vieler neuer Impfstoffe immer noch bedrückend.

Eine Jahrhundertkrise wird in Kauf genommen, die mit einem Schuldenberg für Bund, Länder und Kommunen in einer Gesamthöhe von 650 Milliarden Euro verbunden ist (2). Mit weiteren 750 Milliarden Euro stellt die EU ein Corona-Hilfs- und Aufbauprogramm auf, das in den nächsten 35 Jahren aus dem EU-Haushalt getilgt werden soll. Diese Schulden können den politischen Frieden in Gefahr bringen, Aktivitäten, die die Länder der Dritten Welt wirtschaftlich voranbringen sollen, werden um Jahre zurückgeworfen. Werden die immensen Milliardenschulden nicht auch für Deutschland eine schwer zu tragende Hypothek sein? Und wenn Deutschland diese Belastung schon kaum tragen kann, was sollen dann die anderen EU-Länder und die noch ärmeren und armen Drittländer machen, die ohnehin hochverschuldet sind?

Diese Fragen verdeutlichen, dass es Zeit ist, rückblickend Fehlentscheidungen zu erkennen, möglichst zu revidieren und bessere Strategien für die Auseinandersetzung mit dem neuen Virus zu finden, die mit weniger Kollateralschäden verbunden sind. Dies umso mehr, da weitere Gefahren dieser oder ähnlicher Art künftig nicht ausgeschlossen, vielleicht sogar zu erwarten sind.

Fazit

Nach einem Jahr in der Corona-Dauerkrise zeigt es sich, dass die bisherigen Strategien zur Bekämpfung des Virus ihr Ziel nicht erreicht haben. Zudem werden die Menschen mit den vielen Verboten überfordert. Die vielen angstmachenden Hinweise auf die Gefahr und die Unterbrechung des gesellschaftlichen Lebens mit zeitweise massiver Einschränkung der Grundrechte haben es nicht vermocht, die Gefahr zu bannen. Ob insgesamt Leben gerettet wurde, ist fraglich.

Für die Regierenden wiederum sind Verbote und Angst reizvolle Wege, um Entscheidungen durchzusetzen, vor allem wenn sie wissen, dass diese Wege begehbar sind. Neue Gelegenheiten, um Verbote auszusprechen, werden sich in der nächsten Zukunft immer wieder anbieten. Man müsste rechtzeitig dafür sorgen, die Instrumente zu stärken, die Willkür in der Machtausübung der Exekutive verhindern, anstatt Ängste zu erzeugen und immer mehr Verbote durch Gesetze zu legitimieren.

Insgesamt gesehen war die bisherige Strategie zur Bekämpfung der Krise nicht nur nicht angemessen, sondern anscheinend fehlerhaft, weil wirkungslos. Aus ärztlicher Sicht ist sie ein erhebliches Risiko für den Menschen, der längerfristig unter Druck in einer Dauerkrise leben muss. Und auch der Verlust eines sozialen und kulturellen Lebens ist uns Menschen nicht zumutbar.
Viele wollen nach so langer Zeit ihre Ängste loswerden und ihre unbeschwerte bürgerliche Freiheit wiedererlangen. Sie suchen nach Hoffnung. Die Impfung ist eine solche Hoffnung. Eine weitere Hoffnung ist, dass den Verantwortlichen bald klar wird, dass nicht die Inzidenz eines neuen Erregers, sondern die Wahrscheinlichkeit und Schwere einer realen Krankheit die wahre Gefährdung der Volksgesundheit ist, und eine robuste Krankenversorgung die richtige Antwort auf das Virus. Jetzt oder später, für alle anderen Krankheitserreger, die kommen mögen.

(1) Süddeutsche Zeitung, Nr. 86 vom 15.04.2021
(2) Der Tagesspiegel, Nr. 24506 vom 14.04.2021

Zum Autor

Prof. Dr. med. Constantin E. Orfanos war Professor für Dermatologie und Venerologie an der Freien Universität Berlin (FU) und leitete dort die Hautklinik im Universitätsklinikum Benjamin Franklin (UKBF). Als Wissenschaftler hat er bereits sehr früh, im Jahre 1962 bei der Bekämpfung der Pockenepidemie in der Eifel mitgewirkt und im Jahre 1982 den ersten HIV-infizierten Patienten mit assoziiertem Kaposi-Sarkom in Deutschland in seiner Klinik in Berlin diagnostiziert und der Ärzteschaft vorgestellt. Den Verlauf der Pandemie mit dem HI-Virus in den 1980er- und 1990er-Jahren hat er „hautnah“ miterlebt und klinisch mitgestaltet. Nach 26-jähriger akademischer und forscherischer Tätigkeit an der FUB wurde Orfanos Ende 2004 emeritiert, hat seither mehrfach China, viele Länder des mittleren Ostens und Afrikas bereist, hielt dort zahlreiche Vorlesungen und Vorträge zwecks Verbesserung der Krankenversorgung und war auch als Volontärarzt in einem christlichen Missionskrankenhaus längere Zeit in Tansania tätig.